Die Grenze vom Ober- zum Unterengadin

Die Grenze, die liegt zwischen den beiden Orten Cinuos-Chel und Brail, genau genommen bei der Punt Ota, der oberen Brücke. Da aber gibt es keine Tafel, da gibt es keinen Grenz¬stein, es existiert auch keine politische Grenze. Da berühren sich ganz einfach zwei Sprachgebiete.
Im Oberengadin, also auch noch in Cinuos-Chel, wird der rätoromanische Dialekt Ladin Puter, im Unterengadin, also in Brail, Ladin  Valader gesprochen.
Wo der  landschaftliche Unterschied zwischen dem Ober- und dem Unterengadin?
Hinter Brail geht es steil hinab an den Inn und die Landschaft ändert sich. Insofern gibt es schon auch einen Unterschied zwischen Ober- und Unterengadin:
Das Inntal des Oberengadins hat eine breite Talsohle, und da liegen die Orte von St. Moritz bis Cinuos-Chel breit und behäbig.
Im Oberengadin, sind die Touristen zuhause, in St. Moritz und Silvaplana und Samedan, schlägt der Tourismus hohe Wellen.
Im Unterengadin, wo Dörfer wie Guarda einen Dornröschenschlaf schlafen. Wo die Bewohner auf der Sonnenterrasse ihr Leben weiter leben, hinter dicken Mauern, aus denen die Fenster wie Schießscharten schauen. Mit dem Stein¬bockmotiv auf den Vorhängen und den roten Nelken, die davor Wasserfall spielen.
Das Inntal des Unterengadins aber ist eng und schmal. Zernez macht vielleicht eine Ausnahme, weil sich hier zwei Täler vereinigen und dadurch mehr Raum bleibt. Susch und Lavin liegen an der Straße, aber dann verläuft die Straße oberhalb des Inn am steilen Hang, und die Ortschaften wie Guarda, Ardez, Ftan liegen ein ganzes Stück höher, auf einer Sonnenterrasse, über die die alte Innstraße von Österreich heraufkam. Scuol macht noch einmal eine Ausnahme, wieder an der Einmündung eines weiteren Tales. Tarasp liegt auf einer Sonnenterrasse am rechten Hang des Inntals.
Und dann ist es auch nicht mehr weit bis zur österreichischen Grenze, von woher jahrhundertelang das Schicksal von Engadin und Grau¬bünden bestimmt wurde.